Laut und Leise

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Rainer Feistauer, Evangelischer Pfarrer an der JVA Lüttringhausen
Rainer Feistauer, Evangelischer Pfarrer an der JVA Lüttringhausen
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Manchmal ist laut schön. Die Musik voll aufgedreht. Der Rhythmus reißt einen mit. Manchmal ist laut störend. Ich will mich konzentrieren, aber alles Mögliche schreit nach Aufmerksamkeit.

Manchmal ist leise schön. Wenn ich meinen Gedanken nachhängen will. Manchmal ist leise geradezu quälend. Wenn ich übervoll bin mit Gedanken und habe keine Gelegenheit darüber zu sprechen.
Mal so, mal so. Hält es sich die Waage? Nach meinem Gefühl liegt das Übergewicht wohl bei „laut“. Eigentlich würnsche ich mir viel mehr Ruhe. Sehne mich, zur Ruhe zu kommen. Aber manchmal ist es außen ruhig, aber dann wird es in mir selber ganz laut. Und ich lenke mich mit irgendwas ab, bin wie ein aufgescheuchtes Huhn. Aber die Sehnsucht bleibt.

„Lasst uns das Leben wieder leise lernen“. Diesen Satz habe ich vor vielen Jahren mal gehört. Da heißt es tatsächlich: „Lernen“. Sogar: „Wieder lernen“. Ja, irgendwie habe ich es auch zum Teil verlernt. Und muss es immer wieder neu lernen. Und üben. Ja, ganz banal: Üben. Mal nicht sofort reagieren. Nicht jedem Impuls sofort folgen. Ich mache mir bewusst: Jetzt ist Zeit. Ich habe Zeit. Ich darf den Takt runterfahren. Mein innerer Motor muss jetzt nicht mit Vollgas dröhnen. Jetzt darf er leise schnurren.

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Lernen leise zu sein. Um zu hören. Um wahrzunehmen. Um mehr als nur ein paar Informationen aufzunehmen. Das Leben lernen. Ich achte darauf, dass ich lebe. Dass ich atme. Es tut gut.

Leise sein ist gerade auch für das Beten gut. Ich kann nur wahrnehmen, wenn ich selber leise bin. In der Bibel finde ich es geradezu poetisch ausgedrückt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ (Psalm 62,2). Bei ihm komme ich wirklich zur Ruhe.

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