Einmal Zoppè di Cadore und zurück

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Die Ragazzi der Familie Kammin besuchten Familie Belfi in den Dolomiten. Foto: Familie Kammin
Die Ragazzi der Familie Kammin besuchten Familie Belfi in den Dolomiten. Foto: Familie Kammin
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Das italienische Bergdorf kämpft für eine Zukunft, Parallelen zur Geschichte Remscheids, Unwetterschäden vom Herbst unübersehbar.

von Jürgen Kammin

Ein Besuch der Familie Belfi in ihrem Heimatort Zoppè di Cadore in den Dolomiten war für den 2. Januar geplant. So war es im Oktober beim Abschied im Eissalon mit der Familie verabredet. Die Anfahrt war einfach, 915,5 Kilometer Autofahrt über den Brenner, an der zweiten Ausfahrt der Beschilderung ins Pustertal folgen, über Bruneck und Toblach nach Cortina d`Ampezza, entlang der Alemagna Staatsstraße. Von Cortina dem Ampezza Tal, Tal der „Gelatiere“, folgend, einmal rechts ab über den Cibiana Pass nach Forno di Zoldo. Jetzt noch eine kleine Ewigkeit der kurvenreichen Straße nach Zoppè di Cadore vom Zoldotal in die Höhe folgen und dort, wo es für Autofahrer nicht weiter geht, wohnt Familie Belfi von Oktober bis März. Die andere Hälfte des Jahres kommen sie als Saisonarbeiter nach Lüttringhausen und betreiben ihren Eissalon im Dorf.

Reise-Eistradition seit 1900

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Das hat Tradition im Zoppe, was soviel wie Hochebene bedeutet. Seit 1900 reisen die Dorfbewohner nach Österreich und Deutschland und verkaufen „Gefrorenes“. So stand es anfänglich auf den ersten Eis- Handkarren. Anfangs verließen nur die Männer zur Eissaison ihr Dorf. So blieb die land- und waldwirtschaftliche Prägung des Dorfes bis in die 1960er erhalten. Eine eigene Molkerei, die heute ein kleines Heimatmuseum beherbergt, erinnert an diese Zeit. Dort wurde aus der Milch Käse für den Eigengebrauch hergestellt. Man hatte alles zum Leben, alles wurde selbst gefertigt, nur mangelte es an Geld, das durch den saisonalen Eisverkauf hinzukam. Mit der Zeit verließen ganze Familien ihr Dorf zur Saison. Das hat dazu geführt, dass die Land- und Waldwirtschaft heute nicht mehr weitergeführt wird. Die Menschen, die im Sommer vor Ort bleiben, sind wenige. Der Bürgermeister des Ortes versucht viel, um einem Dorfsterben entgegenzuwirken, etwa mit einer internationalen Woche der Holzschnitzer traditioneller Masken oder einem Treffen europäischer Holzköhler. Eine historische Mühle wurde neu errichtet, Geschichtsvorträge über die heftigen Kämpfe in den Dolomiten im ersten Weltkrieg wurden im Ratssaal gehalten. Auf die beheimateten Maler Masi Simonetti und Fiorenzo Tomea ist die Gemeinde stolz und besitzt auch Bilder. In der sehenswerten Kirche befindet sich ein Altarbild mit der Schutzpatronin des Ortes, der Heiligen Anna, das Tizian zugeschrieben wird und das die Dorfbewohner ideenreich in Kriegszeiten vor vielen Plünderern schützen konnten.

Besonders Interessant fand ich eine Parallele zu Remscheid, die mir im Heimatmuseum bewusst wurde. Im Mittelalter wurde im Zoldotal Eisenbergbau begonnen, Hochöfen betrieben und in kleinen, per Wasserrad getriebenen Hämmern wurde das gewonnene Eisen geschmiedet. Vor allem Venedig brauchte Mengen von Nägeln für Schiffsbau und Molen. So war die Eisenverarbeitung einst, wie bei uns, wichtigste Unterhaltsquelle. Diese benötigte viel Holzkohle. Dafür opferten die Menschen ihre ursprünglichen reichen Buchenwaldbestände, so auch bei uns einst geschehen.

Eine dreistündige Wanderung durch die Wälder weckte Lust auf mehr. Die wohltuende Stille, der Blick auf herrliche Dolomitengipfel in der Nähe und Ferne tat gut. Der Pelmo in nächster Nähe lud zum Wiederkommen, auf eine Bergtour, ein.

Sichtbare Unwetterschäden

Die Unwetterschäden vom letzten Herbst waren unübersehbar. Die Wanderwege waren immer wieder durch Erdrutsche verschüttet, die Wälder bestanden abschnittsweise nur aus abgeknickten Bäumen. Das Wasserwerk des Ortes war noch nicht wieder in Betrieb, was dem Ort allein von der Möglichkeit Strom zu erzeugen täglich 1000 Euro Defizit bringt. Das Entfernen des Bruchholzes wird noch lange dauern, die Holzpreise sind um 75 Prozent gesunken. Bei Schnee über einem Meter müssen, so die Lawinenexperten, einige Häuser im Ort evakuiert werden, da weitere Erdrutsche zu befürchten sind. Zum Glück sind bisher in der Region heftige Schneefälle ausgeblieben. Auf den vielen Skipisten laufen die Schneekanonen. Der Bürgermeister des Ortes fand es ganz großartig, dass viele Lüttringhauser mit ihren Spenden dem kleinen Dorf in den Dolomiten ihr Mitgefühl gezeigt haben und gab einen Winterbildband mit, der beim LA ausliegt und eingesehen werden kann.

Mein Besuch dauerte nur einen Tag und war doch sehr erlebnisreich. Am Abend ging es in die einzige Bar am Ort auf ein Abschieds-Eis, voller Vorfreude auf die Eissaison 2019 in Lüttringhausen.

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