Serie Stadtverkehr (4): In 37 Schritten von der autogerechten zur bewohner- und klimaverträglichen Stadt

Eines Tages wird der öffentliche Nahverkehr die bevorzugte Alternative sein.

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Klimaschutzmanagerin Nicole Schulte koordinierte die Erarbeitung der Mobilitätsstrategie. Foto: Tim Oelbermann / oelbermann-foto.de
Klimaschutzmanagerin Nicole Schulte koordinierte die Erarbeitung der Mobilitätsstrategie. Foto: Tim Oelbermann / oelbermann-foto.de
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Eines Tages wird der öffentliche Nahverkehr die bevorzugte Alternative sein.

In seiner Sitzung am 5. Juli 2018 verabschiedete der Rat der Stadt Remscheid die Gesamtstädtische Mobilitätsstrategie „Mobil in Rem­scheid“. Erarbeitet vom Fachdienst Umwelt und betreut von Klimaschutzmanagerin Nicole Schulte will dieser Leitfaden Orientierung und Anregungen geben im Hinblick darauf, dass das Remscheider Verkehrsgeschehen demnächst weniger Schaden anrichtet. Weniger Scha­den in puncto Klima, in puncto Luftgüte und in puncto urbaner Aufenthaltsqualität. Eingebettet ist das Unterfangen in die Natio­nale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums, von daher fließt finanzielle Unterstützung; einbezogen in Form einer Arbeits­gruppe ist eine Reihe verwaltungsexterner Sachkundiger, darunter der Bahnbetreiber Abellio, das Netzwerk „Demographischer Wandel und Verkehrsraum der Zukunft“ der Bergischen Universität sowie die Fahrradfahrvertreter von ADFC und VCD. Ein bereits 2014 formulier­tes Ziel aufgreifend will das Strategiepapier eine Verhaltensänderung bewirken: Bis zum Jahr 2022 soll jede zehnte PKW-Fahrt entfallen und die Zurücklegung der entsprechenden Wege, falls unvermeidbar, entweder mit Körperkraft oder mit Bus und Bahn erfol­gen. In einer Serie befasst sich der LA/LiB mit dem, was man, ausgestattet mit einer gewissen Zuversicht, den Remscheider Einstieg in die Verkehrswende nennen könnte.

Lebensqualität taucht im Leitbild auf

Wer wissen will, wie sich der Slogan von der „autogerechten Stadt“ materialisiert hat, der schaue sich die Kreuzung Eisernstein an oder begebe sich zur Bushaltestelle Ulmenstraße nahe der Remscheider Bahnhofsunterführung. Optisch trostlos, akustisch unerquicklich …, und wenn man, an Fußgänger und Radfahrer denkend, das Wort „ungemütlich“ wählt, handelt man sich möglicherweise den Vorwurf der Verharm­losung ein. Jeder, der dort steht, kann zwar von sich sagen, er befinde sich im Freien, statt in der Stube zu hocken, doch dass er an solchen Knoten „frische Luft“ atme, dürfte nur bei wohlmeinend wehendem Wind zutreffen. Autogerechter Ausbau bedeutete in beiden Fällen auch: Abriss typisch bergischer Schieferhäuser.

Daher ist die Mobilitätsstrategie getragen von der Intention, die bisherige Ausrichtung des Verwaltungshandelns auf die Optimierung der Infrastruktur für Kraftfahrzeuge hinter sich zu lassen. Doch wohin soll die Reise gehen? Um die Antwort nicht schuldig zu bleiben, hat die beteiligte Arbeitsgruppe ein Leitbild formuliert, das, die diversen Mobilitätsbedürfnisse der Bürgerschaft beachtend, 14 Punkte nennt; sie sind in den nächsten zehn Jahren als Wegweiser zu betrach­ten, damit Remscheid von sich zu Recht behaupten kann, eine Kommune mit klimafreundlich organisiertem Verkehr zu sein.

Das entscheidende Wendemanöver dokumentiert sich in den Punkten 6 und 8, deshalb seien sie hier im Wortlaut wiedergegeben (s. Quelle, S. 3):

„6. Der Umweltverbund (öffentlicher Personennahverkehr, Schienen­personennahverkehr, Fuß- und Fahrradverkehr, Carsharing) mit einer verkehrsmittelübergreifenden Mobilität genießt hohe Priorität“.

„8. Der ÖPNV und der SPNV sind so attraktiv, dass sie auch städte­übergreifend genutzt werden und eine bessere Alternative zum Autofahren darstellen.“

Den Startpunkt der Balkantrasse am Lenneper Bahnhof können aus Lüttringhausen kommende Radfahrer derzeit nicht gut erreichen. Die Nutzung der ehemaligen Gütergleisfläche (im Bild rechts) als Verbindungsstück gilt Planern als zu gefährlich. Foto: Robert Wülfing
Den Startpunkt der Balkantrasse am Lenneper Bahnhof können aus Lüttringhausen kommende Radfahrer derzeit nicht gut erreichen. Die Nutzung der ehemaligen Gütergleisfläche (im Bild rechts) als Verbindungsstück gilt Planern als zu gefährlich. Foto: Robert Wülfing

Neben der Rangverbesserung für den stadtplanerischen Aspekt „Klima­schonende Fortbewegungsarten“ und neben dem Überholvorgang, wodurch der öffentliche Verkehr anziehender wird als der nur einsam genutzte Privat-PKW, akzentuiert das Leitbild die Lebensqualität: Fußgänger sollen sich im beruhigten Straßenraum wieder wohler fühlen, Rad­fahrer alle wichtigen Punkte auf ungefährlichen Wegen erreichen, barrierefreie Einstiege eine Selbstverständlichkeit und gesundheits­schädliche Bestandteile in der Atemluft verringert werden: die Reduktion von Feinstaubpartikeln und Stickstoffoxiden darf man getrost als Wohltat für die Lungen der Städter bezeichnen.

Ja, es gibt Nachtexpresslinien!

Doch wie kann es der Stadtgesellschaft gelingen, diesem Bild nahe­zukommen? Zum einen, indem sie sich sensibilisieren lässt für die negativen Auswirkungen eines ungehemmten Autogebrauchs, sich infor­mieren lässt über jetzt schon bestehende klimagünstige, nicht unbe­dingt kostspielige Alternativen und sich motivieren lässt, die eigene Fortbewegungskette bei dieser oder jener Gelegenheit einmal anders als gewohnt zu knüpfen.

Für die Sensibilisierung mag das Stichwort Südsee-Insulaner stehen. Welche Bedeutung die Information über die Bandbreite bei der Ver­kehrsmittelwahl hat, zeigte sich beispielhaft, als der Heimat­bund Lüttringhausen die Organisation eines Sommerfestivals besprach. Wo sollen die Besucher der Samstagabendveranstaltung parken? – das war ein Thema, dessen Dringlichkeit den Anwesenden auch deshalb so hoch erschien, weil sie fest davon ausgingen, dass sich im öffent­lichen Nahverkehr ab 22 Uhr kein Rad mehr dreht. Es bedurfte der Intervention eines Bus- und Bahnfahrers aus ihrer Mitte, um sie von diesem Irrtum ab- und ihnen die Spätfahrten der Züge und das Angebot auf den Nachtexpresslinien der Busse nahezubringen.

Und allzu simpel ist die häufig zu hörende Gegenüberstellung von Treibstoff- und Ticketpreisen. Das merken die Automobilisten in der Regel, sobald sie daran erinnert werden, dass Autofahren nicht nur an der Tankstelle Geld kostet, sondern auch Steuern, Abschreibung und Werkstattbesuche einzukalkulieren sind.

Motivation zum Umsteigen? Woher soll sie kommen? Aus dem globalen Blickwinkel. Weil der aber niemandem dauernd präsent sein dürfte: woher sonst? Ein Anstoß könnte der Überlegung entspringen, dass jeder Busfahrgast über den Luxus eines Chauffeurs verfügt; zwar muß er ihn mit den Mitfahrenden teilen, doch es entfällt der Zwang zur Konzentration auf den Großstadtverkehr, die Parkplatzsuche und die Park­gebühr. Da außerdem viel für die Richtigkeit des Warnhinweises spricht, der da lautet: „Sitzen ist das neue Rauchen“, lässt sich, falls man ihn ernst nimmt, daraus ein Impuls zum gesundheitsförder­lichen Gehen ableiten. Impulsverstärkende Kraft entfaltet vielleicht die Verlockung, die Reize des Langsamverkehrs zu entdecken – kaum ein Kompendium zur Lebenskunst kommt noch ohne die Vokabel Ent­schleunigung aus – sowie die Besinnung auf die innige Verbindung von Gehen und Denken, die das Wort „Gedankengang“ gut wiedergibt.

Dem Leitbild von einer umweltfreundlich mobilen Stadt nahekommen, das verlangt zum anderen, beharrlich an der Attraktivitätsstei­gerung von Mobilitätsketten zu arbeiten, in denen der PKW nicht länger die Hauptrolle spielt. Um diese Arbeit zu strukturieren, zer­legt das Strategiepapier sie in 37 erste Schritte, mit denen be­kanntlich auch die längste Reise beginnt.

Die fünfte Folge der Serie Stadtverkehr widmet sich dem Thema: Etappen auf der Reise zur umweltfreundlich mobilen Stadt.

Als Quelle liegt der Serie zugrunde: Stadt Remscheid, Der Oberbürgermeis­ter, Nicole Schulte (Ansprechpartnerin): Gesamtstädtische Mobilitätsstrategie der Stadt Remscheid, Mobil in Remscheid, Remscheid 2018

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