Serie Stadtverkehr (1): „Umsteigen“ heißt die Parole

Warum die Wahl der Fortbewegungsart mehr Beachtung verdient.

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Weh, die Wüste wächst! Stauauflösung an der Trecknase durch Bau neuer Spuren kostet Freifläche. Foto: Nicole Dahmen
Weh, die Wüste wächst! Stauauflösung an der Trecknase durch Bau neuer Spuren kostet Freifläche. Foto: Nicole Dahmen
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Warum die Wahl der Fortbewegungsart mehr Beachtung verdient.

In seiner Sitzung am 5. Juli 2018 verabschiedete der Rat der Stadt Remscheid die Gesamtstädtische Mobilitätsstrategie „Mobil in Rem­scheid“. Erarbeitet vom Fachdienst Umwelt und betreut von Klimaschutzmanagerin Nicole Schulte will dieser Leitfaden Orientierung und Anregungen geben im Hinblick darauf, dass das Remscheider Verkehrsgeschehen demnächst weniger Schaden anrichtet. Weniger Scha­den in puncto Klima, in puncto Luftgüte und in puncto urbaner Aufenthaltsqualität. Eingebettet ist das Unterfangen in die Natio­nale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums, von daher fließt finanzielle Unterstützung; einbezogen in Form einer Arbeits­gruppe ist eine Reihe verwaltungsexterner Sachkundiger, darunter der Bahnbetreiber Abellio, das Netzwerk „Demographischer Wandel und Verkehrsraum der Zukunft“ der Bergischen Universität sowie die Fahrradfahrvertreter von ADFC und VCD. Ein bereits 2014 formulier­tes Ziel aufgreifend will das Strategiepapier eine Verhaltensänderung bewirken: Bis zum Jahr 2022 soll jede zehnte PKW-Fahrt entfallen und die Zurücklegung der entsprechenden Wege, falls unvermeidbar, entweder mit Körperkraft oder mit Bus und Bahn erfol­gen. In einer Serie befasst sich der LA/LiB mit dem, was man, ausgestattet mit einer gewissen Zuversicht, den Remscheider Einstieg in die Verkehrswende nennen könnte.

Klimawandel ruft nachBesinnung

Ausgangspunkt der städtischen Strategie ist die statistisch belegbare Beobachtung, dass die Zahl der zugelassenen PKW in Remscheid stetig steigt, obwohl die Einwohnerzahl abnimmt. Zwar steigt die Gesamtzahl der PKW-Fahrten nicht im Gleichschritt mit, doch wenn man hinzunimmt, dass trotz Verlängerung des Liniennetzes weniger Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen, so lässt sich daraus schließen, dass die Remscheider Bevölkerung weiterhin überwiegend auf den Erwerb eines Automobils setzt, um für die Befriedigung der Mobilitätsbedürfnisse gerüstet zu sein. Diese Präferenz wird jedoch unter Aspekt einer weit gefassten Lebensqualität nicht nur der Stadtbewohner zunehmend problematisch. So geht die Bevorzugung des PKW bekanntlich einher mit der Inkaufnahme eines hohen Ausstoßes von Treibhausgasen (THG), und das heißt mit der Inkaufnahme eines hohen Risikos, die Reduzierungsbeiträge zu verfehlen, die der Verkehrssektor leisten muss, damit Erderwärmung und Klimawandel so abgebremst werden, dass Eisbären, Korallenriffe und Südseeinsulaner in ihrer Heimat eine Überlebenschance haben.

Fährt ein Mensch einen Kilometer mit einem Nahverkehrszug, so sind ihm dafür durchschnittlich 67 Gramm THG anzurechnen, während er oder sie auf mehr als das Doppelte, nämlich 142 Gramm kommt, wenn ein konventioneller PKW das Beförderungsmittel der Wahl ist. Wer sich seiner Fußsohlen oder des muskelbetriebenen Fahrrades bedient, darf hingegen auf seinem Schädigungskonto die klimaneutrale Null verbuchen.

Luftgüte leidet, Lärm nervt, Platz fehlt

Doch nicht allein zur Erreichung sogenannter Klimaschutzziele ist die Ersetzung von Autofahrten durch Gehen, Radeln, Bus- oder Bahnbesteigen vonnöten – die Entscheidung für eine der Alternativen erweist gleichzeitig der Luftreinhaltung und der Lärmminderung, die die Europäische Union per Richtlinien von ihren Mitgliedern seit langem verlangt, einen großen Dienst.

Wie stark die Atemluft im Bereich der Freiheitstraße mit gesundheitsschädlichem Stickstoffdioxid belastet ist, weist eine Messstation dort seit Jahren nach; von der gesprächs-
erstickenden Verlärmung der Hauptverkehrsstraßen kann sich einen Eindruck verschaffen, wer ein Stück weit entlang der Barmer Straße geht. Auch die Lindenallee bietet sich als Versuchsstrecke an. Umrauscht vom Roll­geräusch der Reifen ist man heilfroh, sobald man seine Schritte in eine vergleichsweise ruhige Seitenstraße lenken kann. Dementsprechend gilt: Wo die Fahrzeugdichte hoch ist, sind Fußgänger rar, ebenso die Radfahrer, denn für diese gesellt sich noch die beträchtliche Unfallgefahr zur Behelligung der Ohren. Einbau von „Flüsterasphalt“ ist zwar möglich, aber teuer, und dasselbe trifft auch für Abgasreinigungstechniken bei Verbrennungsmotoren zu. – Warum sonst hätten viele PKW-Hersteller den Versuch unternehmen sollen, Öffentlichkeit und Käufer über die Schadstoffmengen, die aus dem Auspuff kommen, zu täuschen?

Wenn ein Phänomen geeignet ist, dem bislang ungehemmten Wachstum der Kraftfahrzeuge nach Zahl und Größe Grenzen aufzuzeigen, dann ist es der Stau. Obwohl mancher Autobahnabschnitt die dritte Spur erhalten, der Knoten Trecknase vor Jahrzehnten schon erhebliche Umbaumaßnahmen zu einer Großkreuzung erfahren und der bereitgestellte Park-
raum permanente Ausweitungen aufzuweisen hat, sind Enge, Platzmangel und Stillstand stets wieder aufgetreten. Massenhafte Stauumfahrungen auf dafür ungeeigneten
Straßen taugen nicht als Lösung, sie stellen den Paradefall einer Problemverlagerung dar.
Schaffung vierter Spuren, Erweiterung von Großkreuzungen zu gigan­tischen Großkreuzungen neigen erfahrungsgemäß dazu, mehr Fahrten zu initieren; weil Straßenraumvergrößerung meistens Flächenneuversiegelung bedeutet, ergeben sich der schnelleren Wasserableitung, der verringerten Verdunstung und der stärkeren Wärmespeicherung wegen zusätzliche Aufheizungseffekte. Innenstädte entwickeln sich zu Glutöfen, zentrumsnah verdursten die Bäume.

Trotzdem kann kein Kitaplaner eine Kita planen, ohne sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wie er den Verkehrskollaps vor seiner Einrichtung, hervorgerufen durch heranfahrende Eltern, abwenden will.

Um des Parkens willen werden ansehnliche Fassaden mit Autos zu­gestellt, Bürgersteige gnadenlos mit Beschlag belegt, Vorgärten eingeebnet, monströse Parkhäuser errichtet, und dennoch gibt es ihn noch, den Parksuchverkehr. Aber vielleicht erweist sich ja die Einschätzung des Philosophen Peter Sloterdijk als zutreffend, der, gefragt, was helfen könnte, der Massenmotorisierung Einhalt zu gebieten, antwortete: „Der Infarkt.“

Die zweite Folge der Serie Stadtverkehr widmet sich dem Thema: Umstieg auf anders angetriebene Autos – ein Allheilmittel?

Als Quelle liegt der Serie zugrunde: Stadt Remscheid, Der Oberbürgermeister, Nicole Schulte (Ansprechpartnerin): Gesamtstädtische Mobilitätsstrategie der Stadt Remscheid, Mobil in Remscheid, Remscheid 2018

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